Live-Reviews

Amplifire Festival - Hamburg (08.08.2026)
Willkommen zur ersten Ausgabe des Amplifire Festivals! Man erkennt direkt beim Betreten des Geländes, wie viel Herzblut die Veranstalter in den Aufbau des Areals gesteckt haben. Teilweise wirkt die Szenerie wie ein kleines „Hellfest“, diverse Skulpturen und Bauten vermitteln „Mad Max“-Vibes, aber im Grünen – eine tolle Kombination.

Malheur spielen derweil auf der kleinsten Bühne, dem „Nest“. Tatsächlich erinnern die Holzaufbauten an ein umgedrehtes Vogelnest zwischen den ganzen Bäumen. Ein paar Schritte weiter eröffnen Seven Blood den „Vorschot“, die größte der 3 insgesamt Bühnen. Ich nutze die Zeit, um mir ein Bild des Festivalgeländes zu machen, als Hintergrundmusik funktionieren Seven Blood dabei ganz hervorragend.
Derweil mache ich es mir ein wenig im Schatten vorm „Butterland“ bequem und schaue mir Arson an. Die Ruhepause ist rasch beendet, dazu gerät der Auftritt der Belgier zu mitreißend. Die Musik würde ich als High-Speed-Variante von Mustasch und Supercharger beschreiben, ein extrem süffiges Gelöt. Die Band ist permanent in Aktion, der Sänger oft auf Tuchfühlung mit den ersten Reihen oder er versucht, auf einen der Bäume zu klettern. Während ein Dude die ganze Zeit Shots verteilt ( die Band hat dafür eigens eine Bar samt Grammophon auf der Bühne ), verschlägt es die beiden Gitarristen ins Publikum, um sich dort wild zu duellieren. Am Ende des Sets steht dann sogar ein Teil des Schlagzeugs in Flammen – passend zum Bandnamen. Erste dicke Überraschung des Festivals.

South Arcade höre ich dann nur von Weitem, da ich bereits auf die nun folgenden Blood Command vor der Bühne warte. Gefällt mir aber ziemlich gut.
Auch wenn man Blood Command schon mal gesehen hat, weiß man nie so recht, was beim Gig passiert. Was man aber immer sagen kann: Man bekommt vollen Körpereinsatz und volle Power geboten. Und exakt so ist es denn auch: Bereits „Ctrl + Art + Delete“ und das folgende „Cult Drugs“ preschen nach vorne, als gäbe es kein Morgen, Sängerin Nikki Brumen fordert die Leute immer wieder auf, sich zu bewegen und entledigt sich Song für Song immer mehr ihrer Kleidung. Crowdsurfing ist natürlich ebenfalls drin, genauso wie diverse Outfit-Wechsel.
„The Plague On Both Your Houses“ ist wie immer ein absolutes Highlight im Set, das Hauptriff lädt zum Headbangen ein wie kaum ein anderes, und nach wüsten Blastbeat-Passagen folgt urplötzlich ein zuckriger Pop-Refrain, der schlicht nicht von dieser Welt ist. Zum Ende hin werden 4 der letzten 5 Singles ( vom immer noch nicht angekündigtem neuen Album ) gespielt, und man kann nur erahnen, was da auf uns zukommt. Die Publikumsreaktionen bei „Mariah‘s Song“ oder „We Could Be Heaven“ sprechen Bände. „Cult Of The New Beat“ markiert das wilde Ende dieser traumhaften 45 Minuten.

Overgrown, High Vis und Tribute To Nothing lasse ich ein wenig links liegen, einerseits um Essen zu fassen, andererseits um mir bereits einen guten Platz für Turbostaat zu sichern. Stichwort Essen: Hier wird eindeutig auf Nachhaltigkeit gesetzt, die Schalen ( in meinem Fall Käsespätzle ) gibt man nachher an einem Container ab und erhält dann sein Pfand via EC-Karte zurück. Schöne Sache.

Turbostaat spielen heute ihr wohl bestes Album „Vormann Leiss“ in voller Länge. Grund genug, in der ersten Reihe Platz zu nehmen und mitzuerleben, dass tatsächlich „Harm Rochel“ den Gig eröffnet. Wahrscheinlich ihr bekanntester Song, prinzipiell natürlich ungünstig, den direkt am Anfang rauszuhauen, andererseits sind alle Anwesenden direkt auf Betriebstemperatur. Bereits jetzt fällt auf, wie gut der Sound auf der Hauptbühne ist, ich habe die Jungs selten so druckvoll und gut abgemischt erlebt. Es folgt Hit auf Hit, „Haubentaucherwelpen“, „Insel“ - und „Vormann Leiss“ als Schlusspunkt selbiger Scheibe. Die restliche Hälfte ihrer Spielzeit nutzen Turbostaat, um ein kleines Best-of zum Besten zu geben – dabei überzeugen vor allem „Oz Antep“, „Sohnemann Heinz“ und „Schwan“. Den Publikumsreaktionen nach zu urteilen hat hier gerade mindestens der Co-Headliner gespielt. Bockstarke Nummer!

Als nächstes sind John Coffey an der Reihe, die ziemlich energiegeladen das „Butterland“ in seine Einzelteile zerlegen. Die Niederländer waren mir bislang nur vom Namen her ein Begriff, haben durch ihre einnehmende Bühnenpräsenz aber so ziemlich alle Anwesenden in ihren Bann gezogen.
Perfektes Warm-up für den Headliner: Bad Religion legen gleich mit „Recipe For Hate“ los wie die Feuerwehr. Das Publikum tobt, und es hört auch die gesamten 80 Minuten nicht damit auf. Ca. 30 Jahre nach meinem Erstkontakt mit der Band ( „Punk Rock Song“, der tatsächlich auch gegen Ende gespielt wird ) sehe ich die Band endlich zum ersten Mal live, und wenn man die Augen schließt, versprühen die Männer eine ähnliche Energie wie damals. Das Bild der älteren Herren auf der Bühne passt irgendwie so gar nicht zur knackig-tighten Mucke, die auf die ca. 10.000 Zuschauer hereinprasselt. Die Moshpits sind so heftig, dass es die ganze Zeit über Staub aufwirbelt ( den hat man auch am nächsten Tag noch in der Nase ). Ein Hochgenuss, die Band in einer solchen Verfassung zu sehen. Der Sound ist anfangs sehr laut und Schlagzeug-lastig. Überhaupt, Drummer Jamie Miller treibt seine Bandkollegen brutal an und erzeugt vor allem im Zusammenspiel mit Bassist Jay Bentley ( die Spielfreude in Person ) eine starke Rhythmus-Sektion, auf der die Band ihre geschickt gewählte Setlist aufbaut. Bereits an fünfter Stelle spielt die Band „21st Century (Digital Boy)“, im weiteren Verlauf der Show konzentriert man sich mit insgesamt 5 Songs vor allem auf das beliebte „The Gray Race“-Album. Das Publikum dankt es der Band mit lauten Gesängen und einem ewig währenden Pit. Und ganz viel Staub. „Punk Rock Song“ ist stimmungsmäßig dann der absolute Peak, nach „American Jesus“ und insgesamt 25 Songs entlassen Bad Religion dann den Großteil der Besucher glücklich und zufrieden in eine laue Sommernacht. Kaum vorstellbar, wie undankbar es sein musste, zeitgleich im „Nest“ spielen zu müssen – Hut ab vor Van Holzen, die das tatsächlich durchgezogen haben. Anschließend beenden Jools das Festival auf ebendieser Bühne – das höre ich allerdings nur noch im Vorbeigehen. Klingt aber ziemlich gut, also kommen die auch noch auf meinen „To Do“-Zettel.

Alles in Allem eine äußerst gelungene Festival-Premiere, die trotz 2 parallel stattfindender Festivals in Hamburg immerhin 10.000 Leute angelockt hat. Positiv erwähnen möchte ich noch einmal den Aufbau des Geländes und die Bandauswahl, die vom Geheimtipp bis zur absoluten Punk-Legende so ziemlich alles im Angebot hatte. Schön auch zu sehen, dass man auf Nachhaltigkeit ( Pfandsystem bei den Speisen )setzt.
Da bereits für nächstes Jahr die zweite Auflage des Festivals angekündigt wurde, würde ich sagen: Wir sehen uns 2027 an gleicher Stelle wieder.

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Amplifire Festival

Eisen-Dieter

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