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Live-Reviews

Lindemann - Hannover - Swiss Life Hall (04.02.2020)
Arschkalt ist es an diesem Dienstag Abend in Hannover. Heute erleben wir die Deutschland-Premiere von Lindemann, dem Projekt von Rammstein-Sänger Till Lindemann. Der Eintritt ist erst ab 18 Jahren gestattet, was auf eine frivole und spektakuläre Show hoffen lässt. Der Einlass erfolgt trotz der angekündigten Altersprüfung einigermaßen zügig und auch die Stunde bis zur Vorband vergeht dank des Hallen-DJs ( u.a. Pantera, Disturbed, Fear Factory ) recht flott.
Als Support wurde Jadu aus Berlin angekündigt. Ich war recht gespannt auf den Support, den Lindemann auf dieser Tour aus dem Hut zaubern. Und ich sollte nicht enttäuscht werden: Sängerin Jadu, die mit dem Rapper Marteria verheiratet ist, und ihre Band spielen ein höchst interessantes Set, irgendwo zwischen Neuer Deutscher Härte, Pop, Soul und Rock. Dabei zeigt die bildhübsche Sängerin eine enorme Stimmbreite und überzeugt sowohl am Megaphon, vor allem aber in den ruhigen Momenten. Ihren Stil bezeichnet sie selbst als Military Dream Pop, was die Sache recht gut beschreibt. Wie nicht anders zu erwarten polarisiert sie damit beim bunt gemischten Publikum, das kann man den Kommentaren nach der Show recht gut entnehmen.
Leider ist es ja mittlerweile bei Bands in diesen Größenordnungen angesagt, dass über den Supportact gemosert wird, falls dieser ein wenig stilistisch vom Headliner abweicht. Ich denke da an Volbeat ( Support: Baroness ), Rammstein ( Duo Jatekok ), oder auch die onkelz ( alles, was nicht Deutschrock ist ). Schade, dass man den Headlinern den Mut für die Wahl der Supportbands nicht angemessen würdigt. Trotzdem erwische ich später ziemlich viele Leute, die sich das Album „Nachricht vom Feind“ am Merchstand holen und sogar signieren lassen ( dazu gehöre auch ich 😉 ).
Danach kündigt dann ein Backdrop eine weitere Vorband an, von der eigentlich nie die Rede war, oder ich habe die Ankündigung schlichtweg verpasst. Aesthetic Perfection heißt die Truppe, und die nun folgende halbe Stunde wird für mich zur Tortur. „Aggrotech“ nennt sich das Genre, welches mir wie die Band selbst bislang völlig unbekannt war. Und um ehrlich zu sein war das auch ganz gut so. Ganz unangenehme Erinnerungen an Combichrist ( damals Rammstein-Support ) werden wach, ein durchgängiger, monotoner Beat vom Schlagzeug und vom Band bestimmt jeden Song. Selbst Motörhead oder AC/DC sind Paradebeispiele in Sachen abwechslungsreiches Songwriting im direkten Vergleich. Nee, sorry, das ist so gar nicht meins. Vor allem die Stimme von Sänger Daniel Graves geht mir mächtig auf den Sack. Sowohl die normale als auch die gepresste aggressive Gesangslage nervt über Gebühr. Zu meiner völligen Verwunderung kommt diese Trümmertruppe deutlich besser an als davor Jadu, das soll mal einer verstehen.
Um exakt 21:37 Uhr beginnt dann das sehnlichst erwartete Schauspiel, und zwar mit einem verstörenden Kurzfilm, der Till in Babywindeln gekleidet und Purzelbaum schlagend sowie die Reaktionen der Passanten zeigt. Fängt ja gut an. Dazu wird eine typische Stummfilm-Klaviermusik eingespielt, und im Anschluss entern nach und nach die Musiker die Bühne und eröffnen mit „Skills In Pills“, dem Titelsong des ersten Lindemann-Albums. Die Band besteht hauptsächlich aus Pain, lediglich Peter Tägtgren hält sich erwartungsgemäß etwas zurück und überlässt Till nahezu komplett die Rolle des Front-Psychos, welche dieser natürlich auch hervorragend auszufüllen weiß.
Apropos weiß, das komplette Bühnenbild ist, bis auf eine riesige Leinwand, komplett in weiß gehalten, also auch beispielsweise die Instrumente, die Mikro-Ständer, selbst die Band ist in weißen Anzügen gehüllt und im Gesicht weiß geschminkt. Die Leinwand wird genutzt, um zum jeweiligen Song einen passenden Clip einzuspielen, und da es hier und da einige Schniedel und Mösen zu sehen gibt, ist die ganze Veranstaltung scheinbar ab 18. Etwas albern in meinen Augen, aber naja. Es hätte den gleichen Effekt, wenn ein U-18-Jähriger das googlen würde, aber naja... so hat das Ganze einen gewissen Public-Viewing-Effekt ;)

Lustiger ist da schon die Tortenschlacht bei „Allesfresser“: Plötzlich wird ein Tisch auf die Bühne geschoben mit ca. einem Dutzend feinster Sahnetorten. Anfangs hatte ich noch die Hoffnung, dass die Band das unter sich ausmacht, im selben Moment fliegt allerdings schon die erste Torte in meine Richtung.
Erster Stimmungshöhepunkt ist das relativ früh im Set platzierte „Knebel“, bei dem gefühlt die komplette Halle mitsingt. Die englischspachigen und die deutschspachigen Songs werden blockweise gespielt, meist im 3er oder 2er Block.
Zum Ende des regulären Sets wird dann noch mal in die Effektkiste gegriffen: Zu „Platz Eins“ fahren Till und Peter mit 3 Tänzerinnen in einem großen, durchsichtigen Ball am Publikum vorbei, „Praise Abort“ erweist sich als der erwartet geile Live-Song, bei dem alle inbrünstig mitgröhlen, und zu „Fish On“ nimmt Till einen Schwung Fische aus und schmeißt sie ebenfalls ins Publikum. Auch hier muss man festhalten, dass „Fish On“ ein enormes Live-Potenzial entwickelt.
Die Zugaben bestehen aus dem beschwingten „Ach so gern“, einer bockstarken Version von „Steh auf“, bei der erneut fast alle mitgröhlen, und „Gummi“, und dann ist nach 85 Minuten recht unvermittelt Schluss, die Band verneigt sich noch kurz. Zunächst wirkt das natürlich so, als könnte die Band noch 2, 3 Songs spielen. Bei näherer Betrachtung stellt man allerdings fest, dass fast alle Songs der beiden Alben gespielt wurden. Schade, dass ausgerechnet „Yukon“ an diesem Abend ungespielt bleibt. Nichtsdestotrotz ein ziemlich starkes Konzert bei tollen Soundverhältnissen, sowie einigen netten Showeffekten. Lindemann haben diese ganzen Effekte eigentlich nicht nötig, das zeigen starke Songs wie „Steh auf“, „Knebel“ oder das mächtige „Blut“ recht deutlich. Trotzdem gehören diese Gimmicks aber auch irgendwie zu Till Lindemann dazu. Gelungener Live-Einstand, cooler Abend.

Setlist:
Skills In Pills
Ladyboy
Fat
Ich weiß es nicht
Allesfresser
Frau und Mann
Knebel
Home Sweet Home
Cowboy
Golden Shower
Blut
Platz Eins
Praise Abort
Fish On
Ach so gern
Steh auf
Gummi

Links:
Lindemann

Eisen-Dieter

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